Hinweise für Therapeuten
Aus Aspies e.V.-Wiki
Sehr geehrte Therapeuten,
wir autistische Menschen möchten uns an Sie wenden, weil wir an einer gleichberechtigten Kooperation mit Ihnen interessiert sind. Kein Mensch kommt völlig ohne andere Menschen aus; wenn wir unsere Haare geschnitten haben wollen, gehen wir zu einem Friseur, wenn wir Zahnschmerzen haben, gehen wir zu einem Zahnarzt, wenn wir von A nach B wollen, nehmen wir die Dienste eines Taxifahrers oder Busfahrers in Anspruch; all diese Menschen bieten uns Dienstleistungen in Angelegenheiten, die wir alleine nicht regeln können, wir unterscheiden uns hierin in nichts von nichtautistischen Menschen. Dies gilt auch für den Fall, dass wir psychische Probleme haben, so, wie jeder andere Mensch auch mitunter die Dienstleistung eines Therapeuten in Anspruch nimmt, wenn er Depressionen, eine Neurose oder sonstige vergleichbare Probleme hat. Wir als Autisten wünschen uns, mit dem selbstverständlichen Respekt und auf gleicher Augenhöhe als Ihr „Kunde“ behandelt zu werden, wie das jeder andere Mensch auch verdient. Leider gab und gibt es unter Ihren Kollegen immer wieder Fälle, die diese eigentlich selbstverständliche Voraussetzung in einer therapeutischen Beziehung nicht mitbringen. Dies wirkt sich natürlich nachteilig auf das Ziel der Therapie, dem zu Therapierenden die möglichst vollständige und eigenverantwortliche Ausschöpfung seines Potenzials ohne Hilfe anderer und eben auch ohne Hilfe von psychologischen Fachkräften zu ermöglichen. Viele von uns haben Erfahrungen von Entmündigungsversuchen offener und versteckter Art erlebt. Wir bauen darauf, dass Sie dagegen einen Ansatz der Gleichberechtigung vertreten und nicht nur uns sagen, wie wir uns zu verhalten haben, sondern auch bereit sind, von uns zu lernen, uns zuzuhören und uns als Persönlichkeiten mit einzigartigen Stärken zu respektieren und wertzuschätzen. Manchmal tun sich Fachkräfte schwer damit, diese guten Vorsätze in der therapeutischen Praxis mit dem Autismus auch umzusetzen, weil es ihnen an der nötigen Erfahrung und an hilfreichen Hinweisen von Seiten der Autisten fehlt, wie ein solcher gegenseitiger Umgang konkret aussehen sollte. Dem möchten wir mit der folgenden Übersicht abhelfen.
Was Sie nicht tun sollten:
Überfordern Sie autistische Menschen nicht sensorisch: Hintergrundgeräusche, Neonlicht, Geruchsbelastungen, etc. sind Dinge, auf die manche Autisten überdurchschnittlich sensibel reagieren und die sie leicht irritieren können. Wahren Sie körperlichen Abstand und reduzieren Sie jede Art von Körperkontakt auf ein Minimum oder vermeiden Sie diesen ganz: Für Nichtautisten ist Händeschütteln eine selbstverständliche und alltägliche Geste – für Autisten kann diese gutgemeinte Geste aber bereits belastend und als Eingriff in ihre Intimsphäre empfunden werden, daher gebietet es der Respekt vor den Interessen des Autisten, hierauf besondere Rücksicht zu nehmen. Vermeiden Sie Begriffe, die als pathologisierend verstanden werden können: Fachkräfte verwenden berufsbedingt mitunter ein professionelles Vokabular, das oft einseitig die Perspektive des Arztes widerspiegelt. Sie sehen einen „Fall“, den sie zur besseren Behandlung in eine „Schublade“ stecken und dem sie Diagnosekriterien zuordnen. Beachten Sie aber, dass autistische Menschen sich selbst oft nicht als „gestört“, „krank“, „betroffen“, „Patient“ und „behindert“ erleben. Wir kommen zu Ihnen als Kunden, die eine Dienstleistung in Anspruch nehmen; kein Friseur käme auf die Idee, Langhaarigkeit als Behinderung zu bezeichnen; daher erwarten wir, dass im Umgang mit uns die genannten und vergleichbare Vokabeln nicht verwendet werden.
Was Sie tun sollten:
Zuhören: Wenn wir zu Ihnen kommen, sind wir für Sie zunächst einmal Fremde. Tun Sie also nicht so, als ob Sie, nur weil Sie uns mit dem Label „autistisch“ identifizieren können, bereits genau wüssten, was in uns vorgeht und wer wir sind. Jedes Vertrauen will auch verdient sein, daher zeigen Sie Geduld, hören Sie zu, lernen Sie von uns. Tony Attwood hat einmal gesagt: Die wahren Fachkräfte zum Thema Autismus sind die Autisten selbst. Nur wir verfügen über die Innenperspektive, Sie kennen uns lediglich von außen. Förderung der Selbständigkeit: Aufgabe jedes Therapeuten ist es letztlich, sich selbst entbehrlich zu machen. Sorgen Sie dafür, dass der von Ihnen behandelte Autist möglichst bald ohne Ihre Hilfe auskommt und geben Sie ihm für jeden Schritt, den er auf diesem Weg macht, positives Feedback und Anerkennung. Anerkennung der Individualität: Autisten sind häufig extreme Individualisten. Wir schwimmen nicht gerne mit dem Strom. Wenn wir zum Ausdruck bringen, dass wir nicht gerne ein Leben als angepasste Zeitgenossen leben wollen, ist dies bei der Planung der Ziele einer Therapie zu berücksichtigen. Gibt ein Autist von sich aus zu verstehen, dass er gerne die Rituale und das Sozialverhalten der NTs („neurologische typischen Menschen“, also der Nichtautisten) besser begreifen und beherrschen will, dann unterstützen Sie ihn dabei. Wenn er aber lieber das Leben eines Exzentrikers führen will und keinen großen Wert darauf legt, von NTs verstanden zu werden, dann fördern Sie eben diese Individualität und sorgen Sie dafür, dass dieser Mensch Stolz und Selbstbewusstsein gerade auch im Hinblick auf persönliche Eigenarten entwickelt, die für den einen oder anderen seiner Mitmenschen ungewöhnlich oder gar abstoßend erscheinen. Es ist Ihre Aufgabe, dem Autisten Schuldkomplexe, die ihre Ursache in der Intoleranz und ihm Fehlverhalten der Mitmenschen haben, zu nehmen.
